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STUTTGART (Baden-Württemberg - 21/04/2007)
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Stellungnahme der AREV zur Reform der Weinmarktordnung


Als Versammlung von derzeit 65 europäischen Weinbauregionen aus 14 Ländern vertritt die AREV die politischen Entscheidungsträger und die berufsständischen Vertreter ihrer Mitgliedsregionen und damit den allergrößten Teil der Verantwortungsträger im europäischen Weinbau.

Notwendigkeit der Reform

Die AREV unterstützt das Bemühen der Europäischen Kommission, den Weinmarkt in der Europäischen Union zu reformieren und diesen, auch in Anbetracht der zunehmenden Globalisierung der Märkte, den Erfordernissen des Wettbewerbs mit anderen Anbietern in der Welt anzupassen. Dabei sind die Eigenheiten der europäischen Weinbaupolitik, insbesondere die Multifunktionalität, weiter zu stärken und auszubauen. Die AREV fordert– durch Umwidmung der zur Verfügung stehenden Mittel – eine offensive und kohärente Politik, die wegen des nachhaltigen Charakters der Rebkultur für langfristige Rechtssicherheit für die Weinproduzenten und für alle am Markt Beteiligten sorgt. Die AREV unterstützt die wichtigen Prinzipien, die das Europa-Parlament in seiner Stellungnahme zur Überarbeitung der Weinmarktordnung beschlossen hat.

Spezifizität des Weinbaus in der Landwirtschaft

Die AREV unterstreicht, dass der Weinbau und der Weinmarkt in Europa viele Besonderheiten aufweisen, welche eine eigenständige Marktordnung für diesen Sektor notwendig machen. Die Instrumente der GAP, insbesondere die Entkoppelung der Prämien, werden den Erfordernissen eines dynamischen und auf den Markt ausgerichteten Sektors, wie die Weinwirtschaft es ist, nicht gerecht. Die AREV lehnt daher die Einbindung des Weinmarkts in eine übergeordnete, einzige Marktordnung für alle Produkte der Landwirtschaft ab, ebenso wie den Transfer der entsprechenden Mittel von der ersten in die zweite Säule. Der Weinbau ist auch berufsständisch in vielen Regionen Europas eigenständig und unabhängig von der Landwirtschaft organisiert und bedarf somit einer eigenständigen Regelung.

Vielfalt der Weinbauregionen Europas

Weinbau und Weine prägen und erhalten viele Regionen in Europa. Der großen Vielfalt des europäischen Weinbaus wird man mit einer zentralistischen Marktordnung nicht gerecht. Deshalb fordert die AREV, dass im Geiste der Subsidiarität und der Eigenverantwortung den Regionen und ihren regionalen berufsständischen Organisationen Spielräume bei der Gestaltung ihrer Weinbaupolitik übertragen werden. Daher sollen die Regionen auch verstärkt über den Einsatz der europäischen Geldmittel mitbestimmen können, ohne dass dadurch das Ziel einer gemeinsamen Agrarpolitik aus den Augen verloren wird. Dies ist ein wichtiger Ansatz, um die regionalen Unterschiede in Europa anzuerkennen und als Stärke des europäischen Modells auszubauen.

Auch die Weinbereitungsverfahren sind in Europa vielfältig und Frucht langer Traditionen. Diese sollten bewahrt werden, wobei innovative Verfahren unter den Gesichtspunkten des Verbraucherinteresses, der Förderung der Qualität, der Produktdifferenzierung sowie der Wettbewerbsverbesserung gegenüber Drittlandsweinen auf der Basis der Empfehlungen des OIV zu prüfen sind.

Anbauregelung

Die AREV lehnt die Liberalisierung der Anpflanzungen in Europa ab. Dies würde zu einer großflächigen Aufgabe der Rebberge in benachteiligten Gebieten und einer entsprechenden Ausdehnung des Anbaus in Gunstlagen führen. Damit verbunden wäre ein nicht wieder gut zu machender Identitätsverlust für viele Regionen in Europa.

Notwendigkeit einer Beobachtungsstelle für den Weinbau

Die AREV wiederholt ihre Forderung nach einer europäischen Beobachtungsstelle, um in allen Regionen die Entwicklung in den Bereichen Rebbestand, Produktion, Vermarktung, Konsum sowie die sozio-ökonomischen Auswirkungen des Weinbaus auf den ländlichen Raum verfolgen zu können. Diese Beobachtungsstelle kann auch dazu beitragen, Marktkrisen in Europa frühzeitig zu erkennen und, aufbauend auf den Erkenntnissen der Marktforschung, Strategien für eine erfolgreiche Weiterentwicklung des europäischen Weinbaus auszuarbeiten. Beim Aufbau sollte die Kompetenz der bestehenden Einrichtungen in Europa auch im Verbund genutzt werden.

Kommunikation

Die Kommission muss vorrangig die Voraussetzungen schaffen, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Nachhaltigkeit des europäischen Weinsektors am Binnenmarkt und am internationalen Markt zu verbessern und zu stärken. Zu dieser offensiven Politik gehört die Förderung der Weinqualität gepaart mit einer aktiven Kommunikation – in Europa und in der Welt – über den europäischen Wein und die gesundheitlichen Vorzüge eines mäßigen und regelmäßigen Weinkonsums (WHO-Normen), wie in zahlreichen wissenschaftlichen und medizinischen Studien empfohlen. Dies ist auch im Sinne der Forderung der Kommission und des Parlaments nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. Es ist daher berechtigt, wenn Werbe- und Absatzkampagnen für Wein öffentlich unterstützt werden.

Modell Europa

Insbesondere müssen die Stärken und Strategien der europäischen Weinproduzenten vermehrt unterstützt werden. Dazu gehört die einzigartige Tradition des Weinbaus in Europa, der Erhalt eines entsprechenden Ökosystems und die damit verbundene kulturelle, wirtschaftliche und touristische Bedeutung des Sektors, die auf der Verbindung zwischen Anbaugebiet, Winzer und Bezeichnung(srecht) gründet. Dieses spiegelt sich auch in den Bezeichnungen für Qualitätsweine wieder. Die bezeichnungsrechtliche Aufwertung der Tafelweine ist daher nicht sinnvoll, weil dadurch die Position der Qualitätsweine mit Ursprungsbezeichnung geschwächt wird. Die Vermassung und Standardisierung der Weine, wie sie von der Kommission nach dem Vorbild der Produzenten der Neuen Welt vorgeschlagen wird, kann kein erfolgreicher Weg für Europa sein.

Der Weinbau und die Weinwirtschaft spielen in vielen europäischen Regionen eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Dies gilt vor allem auch für Regionen, in denen es kaum Alternativen in der Landwirtschaft gibt, insbesondere auch für Berggebiete und Steillagen. Die Weinwirtschaft schafft Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft in der Region. Außerdem prägen die Weinberge die Landschaft und sind ein wichtiger Bestandteil der bäuerlichen Kultur. Sie schaffen damit eine wichtige Voraussetzung, um die Region touristisch interessant zu machen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Weinbaus für eine Region geht daher weit über die reine Vermarktung des Weins hinaus.

Rodung

Die AREV lehnt eine großflächige Rodung von Rebflächen ab. Rodungsmaßnahmen sind nur dort sinnvoll, wo qualitativ schwache und damit kaum marktfähige Weine produziert werden können. Die Rodung muss für die Weinbauern freiwillig sein. Die entsprechenden Rahmenbedingungen müssen die Staaten und Regionen vorgeben können. Die Finanzierung kann im Rahmen der national verfügbaren Budgets der zukünftigen Weinmarktordnung vorgenommen werden. Außerdem können die Staaten und Regionen nicht Rodungsprogramme betreiben, solange nicht genaue Erkenntnisse über den tatsächlichen Rebbestand bestehen, und sie nicht dafür gesorgt haben, dass die illegalen Anpflanzungen gerodet sind.

Natürlicher Alkoholgrad

Der Wein ist, so von der AREV bereits in der Weincharta festgelegt, die Frucht des Weinbergs. Dort muss auch der Zucker vornehmlich entstehen. Deshalb ist die Abschaffung der Mindestzuckergehalte bei der Ernte nicht zielführend, sondern der Qualität des europäischen Weins abträglich.

Most- und Weinimporte

Der Most sowie die Traubenmost-Konzentrate dürfen nicht zum Rohstoff für die Produktion anonymer Weine werden. Daher lehnt die AREV mit aller Entschiedenheit den Import und die Vinifizierung von Mosten aus Drittländern zur Produktion von Wein in Europa ab – wie auch den Verschnitt von Weinen aus Drittländern mit Weinen der EU.

Destillation

Die Krisendestillation erfüllt als Instrument zur Krisenbewältigung nicht mehr den angepeilten Zweck. Die öffentliche Unterstützung der Destillation der Nebenprodukte, vor allem des Trubes, schützt hingegen den Weinmarkt vor Verfälschungen und ist eine wichtige Maßnahme zum Wohle der Umwelt. Die AREV spricht sich auch dafür aus, dass diese Nebenprodukte, so wie bereits bisher in einigen Mitgliedsstaaten praktiziert, durch eine geordnete Kompostierung entsorgt werden können.

Die öffentliche Unterstützung für Trinkalkohol kann laufend abgebaut werden und somit nach einigen Jahren auslaufen. Die traditionelle Erzeugung von mutierten Weinen mit geographischen Ursprungsbezeichnungen sollte weiterhin berücksichtigt werden.

Welt-Handelsorganisation

Die AREV bekennt sich zu einer Öffnung der Märkte in der Welt. Als absoluter Marktführer im Weinbereich muss die Europäische Union aus einer Position der Stärke eines Marktführers handeln. Am Markt müssen gleiche Spielregeln für alle gelten. Darauf muss die EU sowohl bei der Überarbeitung der Weinmarktordnung als auch beim Abschluss bilateraler oder multilateraler Abkommen achten. Insbesondere muss die EU mit Entschiedenheit gegen Zollhindernisse, steuerrechtliche Benachteiligungen und Verwaltungsprotektionismus kämpfen. Die EU muss sich für den Schutz der geographischen Angaben und Ursprungsbezeichnungen in Europa und in Drittstaaten durch die Schaffung eines multilateralen Registers für Wein und Spirituosen im Rahmen der WTO-Verhandlungen und der TRIPS-Abkommen einsetzen.

Institutionnelle Kompetenzen

Die AREV spricht sich entschieden gegen jede Kompetenzübertragung vom Rat an die Kommission aus.

Einstimmige Verabschiedung der Resolution am 21. April 2007 auf der Vollversammlung in Stuttgart